Warum empfinden wir Zeit?

Wir kennen drei Arten von Uhren: die mechanische, die an der Wand hängt, die biologische, die bestimmte Körperfunktionen regelt und die „subjektive Uhr“ oder auch der Zeitsinn. Der Zeitsinn ist für unser Zeitempfinden zuständig. Doch wo sitzt eigentlich unser Zeitsinn?

Biologische Uhr

Unsere biologische Uhr wird maßgeblich vom Suprachiasmatischen Nucleus (SCN) gesteuert. In einem annähernd 24-Stunden-Rhythmus steuert er wann wir aufwachen und müde sind und viele andere chemische Funktionen im Körper. Unter anderem die Leberfunktion, weswegen wir Alkohol abends besser vertragen als morgens. Die biologische Uhr funktioniert auch dann, wenn wir uns nicht an der Sonne orientieren können. Dies fand man in den „Bunkerexperimenten“ in den 1960er Jahren heraus. Doch wir können auf diesen Taktgeber nicht bewusst zugreifen. Der SCN ist also nicht der Sitz unseres Zeitsinns.

Der Zeitsinn
Sitz des Parietallappens

Sitz des Parietallappens

Sitz des Corpus striatum

Sitz des Corpus striatum

Ein eigenes Organ, dass für die Zeitmessung zuständig ist wie die Nase für Gerüche, besitzen wir nicht, doch das wir eine angeborene Zeitwahrnehmung haben steht außer Frage. Wäre unser Gehirn nicht fähig Abfolgen chronologisch zu ordnen würde jeder Schritt mit einem Sturz enden. Wo dieser Zeitsinn verortet werden kann, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Doch gibt es eindeutige Hinweise, dass zwei Gehirnareale eine wichtige Rolle spielen: der rechte Parietallappen und das Corpus striatum, das ein Teil der Basalkerne ist. Der Parietallappen scheint dafür zuständig zu sein Ereignisse chronologisch zu ordnen und das Corpus striatum die Dauer einzuschätzen.

Die Ortung des Zeitsinns

Viele Hinweise bekam man durch die Untersuchung von Patienten bei denen das Zeitempfinden gestört war. Wissenschaftler hatten zum Beispiel bei Schlaganfallpatienten, deren rechter Parietallappen in Mitleidenschaft gezogen war, festgestellt, dass sie Probleme bei der Zeitwahrnehmung hatten. Und zwar bei der Einschätzung von Zeitintervallen. So bezeichnete ein Patient einen mehrere Sekunden dauernden Ton als kurzes Klicken. Schlaganfallpatienten deren linker Parietallappen geschädigt wurde zeigten diese Wahrnehmungsstörungen nicht.

Am Medical College von Wisconsin haben Wissenschaftler eine Untersuchung durchgeführt, um den Sitz des Zeitsinns zu lokalisieren. Probanden wurde im Abstand von 1,2 Sekunden zwei Töne vorgespielt, die 0,05 Sekunden andauerten. Nach einer Pause wurde ihnen ein zweites Paar Töne vorgespielt und dann sollten die Probanden einschätzen, ob der Abstand zwischen beiden Tönen im zweiten Tonpaar länger oder kürzer war als im ersten. Die Magnetresonanz-Spektroskopie (MRS) zeigte, dass zwei Areale aktiv waren: der rechte Parietallappen und die Basalganglien.

Das „mentale Jetzt“

Immer wieder kommt es in wissenschaftlichen Untersuchungen vor, dass Probanden Zeitintervalle schätzen sollen. Dabei hat man beobachtet, dass Längen über drei Sekunden tendenziell unterschätzt wurden und Längen unter drei Sekunden eher überschätzt wurden. Man nannte diesen Punkt, wo subjektive Empfindung und objektiver Wert übereinstimmten,

"Necker-Würfel"

„Necker-Würfel“

den Indifferenzpunkt. Der Indifferenzpunkt ist dabei im Laufe des letzten Jahrhunderts gleich geblieben, was dafür spricht, dass er im Gehirn angelegt ist. Dieser Zeitraum scheint unser „mentales Jetzt“ zu sein zwischen eben Vergangenem und direkt Zukünftigem.

Und hier ein Test dazu, den jeder selbst durchführen kann. Die Grafik rechts ist ein sogenannter „Necker-Würfel“. Man kann sie als Würfel interpretieren, den man von rechts oben oder von links unten betrachtet. Konzentriert man sich nicht auf eine der beiden Ansichten, wechselt der Eindruck spontan alle drei Sekunden. Das funktioniert bei allen Menschen gleich und ist ein weiterer Hinweis, das die Drei-Sekunden-Schwelle im Gehirn fest verankert ist.

Noch viel Forschungsarbeit

Wir wissen also, wo unser Zeitsinn sitzt. Wie diese Bereiche allerdings im Gehirn agieren und woher sie Informationen beziehen ist nicht endgültig geklärt und wird Gegenstand zukünftiger Untersuchungen sein. Klar ist, dass unser Gehirn Bewegung erkennen muss, damit es Zeit wahrnehmen kann. Weiterhin wird vermutet, dass es Zeit konstruiert indem es Eindrücke, Abläufe, Empfindungen und sensorische Reize auswertet und diese in Relation zu Erfahrungswerten stellt – und uns dabei gerne mal zum Narren hält.

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