Meine erste Reportage

Mai 12, 13 • alle, BetrachtungenNo CommentsRead More »

„Schade, dass niemand sieht wie viel Geduld ich habe!“

Auf dem Weg zum Traumberuf Restaurator

 

Einen Museumsrundgang hat wohl jeder schon mal gemacht. Die einen gezwungenermaßen beim Ausflug mit der Schule, die anderen ganz freiwillig, aus Interesse an einem bestimmten Thema.
Mich faszinierte immer die Atmosphäre in einem Museum. Die Stille. Die Kühle. Das andächtige Verweilen der Besucher. Ein bisschen wie in einer Kirche.
Bevor die Exponate – die Ausstellungsstücke – in die „Heiligen Hallen“ gehängt werden, müssen sie die Prüfung durch einen Restaurator bestehen. Der Restaurator ist nahezu die einzige Person, die das Kunstwerk anfassen darf.

 

Beim Verband der Restauratoren kann man sich eine Liste aller Werkstätten, in denen Praktika angeboten werden besorgen. Die Plätze sind begehrt. Das sieht man schon an den Studienplätzen: auf einen kommen acht Bewerber!
Nach vier Monaten macht sich auch bei mir Verzweiflung breit: “Ich hab gebettelt und geschimpft. Die Antworten blieben die gleichen.“ „Nein, bei uns sind alle Praktikumsplätze belegt.“ „Praktikanten? Können wir uns nicht leisten. Die machen mehr Arbeit als sie helfen.“ „Sie haben keine Vorkenntnisse? Dann können Sie bei uns leider nicht anfangen.“ „Ich dachte immer ein Praktikum sei dazu da Vorkenntnisse zu erwerben?“
Bei einem Gespräch mit einem Restaurator aus Münster seufze ich resigniert in den Hörer: „Wissen Sie eigentlich wie deprimierend das ist?“ Mein Gesprächspartner hält inne: „Ich hab eine Idee! Meine derzeitige Praktikantin ist im November nicht da. Was halten Sie davon einen Monat herzukommen und sich das Ganze mal anzuschau’n?“
In Braunschweig absolviere ich ein weiteres Kurzpraktikum. Mit diesen Vorkenntnissen bekomme ich einen Praktikumsvertrag im Historischen Museum in Regensburg.

 

Die Ausbildung zum Restaurator beginnt mit einem zwei- bis dreijährigen Praktikum, das gering oder gar nicht vergütet wird. Es gibt sogar Praktikumsstellen für die man bezahlen muss. Eine handwerkliche Ausbildung, wie eine Schreinerlehre, kann das Praktikum verkürzen.
Nach dem Praktikum kommt das langwierige Auswahlverfahren für den Studienplatz. An der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden zum Beispiel besteht es aus drei Durchgängen. Im ersten Durchgang wird die Bewerbung geprüft, die neben den üblichen Unterlagen wie Foto, Lebenslauf und Hochschulzugangsberechtigung eine Mappe mit ca. 25 eigenen künstlerischen Arbeiten enthält. Der zweite Durchgang besteht aus einer mehrtägigen Eignungsprüfung bei der kulturgeschichtliches Allgemeinwissen, zeichnen und handwerkliche Geschicklichkeit unter Beweis gestellt werden müssen. Als drittes folgt ein persönliches Gespräch mit den Professoren, bei dem man nochmals fachliche Fragen gestellt bekommt und erklären muss, warum man diesen Beruf ausüben möchte.
Zweimal kann man die Eignungsprüfung versuchen. Hat man sie bestanden, gilt sie für vier Jahre als Zulassung zum Studium. Dieses dauert in Dresden fünf Jahre. Jeweils vier Semester Grund- und Hauptstudium und zwei Semester Diplomzeit. Danach kann man sich Diplom-Restaurator / in nennen.
Der Beruf des Restaurators ist nicht geschützt weil er sich aus dem Handwerk und dem Künstlertum entwickelte.

 

Ich hatte sehr viel Glück mit meinem Praktikumsplatz. Nicht nur das ich bezahlt wurde. Nette Kollegen. Eine verständnisvolle Chefin. Und: Ich durfte an Originalen arbeiten.
Eine meiner ersten Aufgaben, war die Restaurierung eines so genannten Hochzeitsportraits der Eheleute Treiber. Es besteht aus zwei Gemälden; eins vom Bräutigam und eins von der Braut, die nach der Hochzeit in der Wohnstube nebeneinander aufgehängt wurden. Ich nehme die Bilder aus ihrem Rahmen um an Hand der Spanntechnik und der verwendeten Materialien das Alter bestimmen zu können. Ich benenne die Schäden und zeichne einen Querschnitt des Rahmens. Alles für die Dokumentation. Jeder Handgriff muss aufgeschrieben werden, um bei späteren Maßnahmen nicht wieder von vorne anfangen zu müssen.
Mit einem Staubsauber und einem weichen Borstenpinsel wird dann das Bild von Staub und grobem Schmutz befreit. Am unteren Rand, zwischen Leinwand und Spannrahmen entstehen häufig so genannte Staubtaschen, die die Leinwand ausbeulen können. Mit einem flachen Spatel fahre ich vorsichtig in den Zwischenraum und fördere neben Staub und Dreck einen Zettel und mehrer Rahmennägel zu Tage.
Anschließend wird die gesamte Oberfläche mit demineralisiertem Wasser und Wattestäbchen gereinigt. Bei dem „Treiber-Paar“, wie es Werkstattintern genannt wird, gestaltet sich diese Reinigung als schwierig. Klimaschwankungen haben dazu geführt, dass die Oberfläche feine Risse bekommen hat und die Malschicht Schollen bildet. Sie liegen teilweise lose auf der Leinwand und können bei der Reinigung verloren gehen.

 

Die Malschicht besteht aus drei Schichten. Dem Malgrund, der auf die Leinwand aufgetragen wird um eine glatte, weiße Fläche zu bekommen. Der Farbschicht, die das eigentliche Bild darstellt. Und dem Firnis, der das Gemälde vor Schmutz schützen soll.
Craquelés gehören zu den häufigsten Schadensbildern. Ein geübter Restaurator kann an Hand des Verlaufs und des Aussehens erkennen, wodurch es entstanden ist. Ein großflächiges Craquelé beispielsweise entsteht durch jahrelange Temperaturschwankungen. Durch die klimatischen Veränderungen dehnt sich die Leinwand aus und zieht sich zusammen. Die Malschicht die im Laufe der Zeit spröde geworden ist, kann diese Bewegungen nicht nachvollziehen und reißt auf. Die dadurch entstandenen Schollen stehen vom Rand her auf und liegen wie kleine Schüsseln auf der Leinwand.
Kreisförmige Craquelés entstehen durch heftige Stöße. Blasen, die auf der Kuppe reißen, entstehen wenn das Bild großer Hitze ausgesetzt ist, zum Beispiel bei einem Brand. Craquelés entstehen allerdings auch durch Fehler, die der Künstler beim Fertigen begangen hat. Hat er zum Beispiel falsche Zutaten oder das falsche Mischungsverhältnis verwendet, treten beim Trocknungsprozess Spannungen auf, die früher oder später zu Rissen führen.
Neben Craquelés gehören Verformungen der Leinwand und Schäden durch falsche Restaurierung zu den häufigsten Anlässen für restauratorische Maßnahmen.

 

Restau_BlogEin anderes Objekt, in meiner Obhut heißt „Vivat Carl Alex“. Es ist eine Schützenscheibe mit großen Einschusslöchern, vergilbtem Firnis und einem Riss im Holz an dessen Rand entlang die Malschicht fehlt.
Bei der Reinigung mit destilliertem Wasser und Wattestäbchen bemerke ich, dass es nicht der Firnis ist, der vergilbt ist. Das Tafelbild -  ein Gemälde auf Holz – hing wahrscheinlich lange Zeit in einer verrauchten Kneipe. Infolge dessen hat sich darauf eine braun-gelbliche Teerschicht abgesetzt.
Mit einer 1 : 1 Mischung aus Isooctan und Isopropan nehme ich den braunen Film ab. Es stinkt fürchterlich. Beim Kontakt mit dem Gemisch verwandelt der Film sich in eine eklige, schleimige Masse.
Nach einer Woche erstrahlt der Himmel über Carl Alexander wieder in seinem ursprünglichen Blau. Das ist es, was mich dazu bringt nicht die Geduld zu verlieren. „Herrlich so ein Erfolgserlebnis!“
Nun kann ich mich daran machen, die Stelle an der die Malschicht fehlt auszubessern. Mit achtprozentigem Hasenleim, der mit Kreide versetzt wird, kitte ich die Fehlstelle. Mit einem nassen Leinentuch, das um einen abgeschliffenen Korken gelegt ist, begradige ich die ausgebesserte Stelle.
Bevor es an die Retusche geht muss die Oberfläche der Kittung noch mit Schellack versiegelt werden.

 

Wenn die erste Untersuchung mit Rahmenabnahme, grobe Reinigung und Dokumentation abgeschlossen ist, wird ein Restaurierungsplan festgelegt der alle Risiken für das Gemälde ausschließt. Es werden nur Materialien verwendet, die ohne Schwierigkeiten wieder entfernt werden können. Jede Restaurierung ist somit speziell auf das Gemälde abgestimmt und einzigartig. Reinigung, Kittung und Retusche sind sozusagen das „tägliche Brot“ des Restaurators.
Auch die Niederlegung der Schollen bei einem Craquelé ist recht häufig. Hierbei wird in die Bruchstellen warmer Hasen-, Fisch- oder Knochenleim eingebracht um die Scholle geschmeidig zu machen. Dann wird sie mit einem Heizspatel niedergelegt.
Seltenere Maßnahmen sind die Firnisabnahme und die Doublierung, weil die Gefahr das Bild irreparabel zu schädigen zu groß ist.

 

Mein nächstes Projekt: Ein Bild der Übergabe Regensburgs an Bayern. Zwei mal drei Meter. Mit einem Wattestäbchen fange ich in der linken oberen Ecke an, das Gemälde zu säubern. „Schade, dass die meisten Museumsbesucher nie erfahren werden, wie viel Geduld ich haben kann.“

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