Der 22. Juli 2011 – POV

Feb 10, 13 • alle, BetrachtungenNo CommentsRead More »

Es war mir schon lange ein Bedürfnis die Ereignisse des 22. Juli 2011, wie ich sie erlebt habe, schriftlich festzuhalten, denn die Anschläge in Norwegen waren ein Wendepunkt für mich. Sie haben mich gelehrt mein Leben noch mehr als ein wertvolles Geschenk zu betrachten. Es nicht mit Grübeln und Unglücklichsein zu vertrödeln und mich nicht mit unliebsamen Kompromissen zufrieden zu geben. Und letzten Endes war es der letzte Anstoß ein paar unangenehme Entscheidungen zu treffen. Dieser Post macht also nicht schlauer oder schöner. Er ist eher für Menschen gedacht, die mich schon kennen.

Norwegen_PostAnders Behring Breivik parkte am 22. Juli 2011 circa 15:15h einen weißen Lieferwagen vor dem Hauptsitz der Regierung in Oslo und stellte die darin enthaltene Bombe scharf. Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich im knapp 40 Kilometer entfernten Drammen und warte im Zugdepot darauf, dass eine Hubvorrichtung wieder funktioniert. Ich bin zum ersten Mal für meinen Arbeitgeber im „Auslandseinsatz“ und es ist eine aufregende Abwechslung zum sonst eher eintönigen Büroalltag. Die Hubvorrichtung ist nicht zu reparieren und so freue ich mich über einen frühen Feierabend. Ungefähr 16:45 komme ich zurück ins Hotel und da ich in der vorhergehenden Nacht schlecht geschlafen habe beschließe ich vor dem Abendessen ein Nickerchen einzulegen.

 

Gegen 17:00h legte Breivik in Utøya an und begann sein Massaker. Kurz danach wählten die ersten Jugendlichen den Notruf und wurden gebeten die Leitungen freizuhalten, wenn ihr Anruf nichts mit den Anschlag in Oslo zu tun hat. Der ersten offiziellen Notruf von Utøya wurde um 17:27h in den Polizeiakten notiert.

 

Ich ziehe mich aus, ziehe die Vorhänge zu und krieche ins Bett. Kurz bevor ich einschlafe piepst das Handy. Ich ziehe es unter dem Kopfkissen hervor – eine Eilmeldung der „Tagesschau-App“: „Bombe in Oslo explodiert“. Es dauert einige Momente bis die Eilmeldung in meinem Hirn ankommt und einschlägt. Ich bin sofort wieder hellwach. Mit dem Smartphone versuche ich genauere Informationen zu finden, aber das Netz ist zu schwach. Nachdem ich mich wieder angezogen habe, haste ich in die Lobby und spreche die Rezeptionistin an, die mich professionell anlächelt. „There was an explosion in Oslo. Do you know anything about it.“ Als sie verstanden hat was ich sage erlischt das Lächeln und sie schüttelt entsetzt den Kopf. Ich bitte Sie um einen Zugang zum W-Lan und gehe zu einem der Rechner. Ein Kollege sitzt bereits dort. Ich gehe davon aus, dass auch er über die Ereignisse in Oslo gehört hat und recherchiert, doch auch er starrt mich mit geweiteten Augen an als ich ihm von der Explosion erzähle. Auf YouTube finde ich Videos aus Oslo. Verwackelte Handyaufnahmen vom Regierungsviertel. Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet – überall Schutt und Glassplitter, Papiere flattern durch die Luft, Menschen hasten verwirrt durchs Bild, Geschrei und anhaltendes Alarmschrillen. Ich kenne die Innenstadt von Oslo von einem früheren Norwegenbesuch. Ich erkenne nichts wieder.

 

Circa zwei Stunden nach der Bombenexplosion (17:30h) wurde die Nachricht in Deutschland veröffentlicht. Auf YouTube wurden bereits mehrere Videos aus der Osloer Innenstadt hochgeladen (eines der ersten Videos online). Die Informationslage war dürftig. Wilde Spekulationen über Beweggründe und Verantwortliche brachen los (Stefan Niggemeier kürte am nächsten Tag den voreiligsten Kommentar). 17:38h brach ein Sondereinsatzkommando von Oslo nach Utøya auf.

 

An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Verwirrt – und ja, auch ängstlich – versuche ich weitere Informationen zu finden, um mich zu beruhigen. Weder englische noch deutsche Nachrichten schaffen das. Die Aussagen wiederholen sich.  „Menschenansammlungen meiden“, „Terrroranschlag“, „große Gebäude und Plätze meiden“, „unklar wie viele Täter unterwegs sind und wo“ und „Wohnung nicht verlassen“. Mehr als eine Stunde später gehe ich erneut in die Lobby. Die Stimmung hat sich gewandelt. Still und angespannt starren alle auf den Großbildschirm, der nun eingeschaltet ist. Immer wieder die gleiche Kameraeinstellung: Ein nasser, geteerter Weg, dahinter Wald, alles im Halbdunkel. Ich kann kein norwegisch und kann allein auf Grund der Bilder die Nachricht nicht enträtseln. Wir machen uns auf den Weg in die Ypsilon-Bar in der Nähe des Hotels, um zu Abend zu essen. Wir reden über den Bombenanschlag und sind froh, dass wir nicht, wie ursprünglich überlegt, nach Oslo gefahren sind. Wir überlegen, ob es Probleme beim Rückflug geben könnte.

 

17:45h erreichten Überlebende von Utøya schwimmend das Festland. Mehrere Menschen fuhren in Privatbooten los, um Überlebende aus dem Wasser zu retten. 18:25 traf das Sondereinsatzkommando auf der Insel ein und nahm Breivik wenige Minuten später widerstandslos fest. Er tötete auf Utøya 69 Menschen und verletzte 38.

 

Angekommen in der Bar sehe ich als Erstes, dass auch hier der Fernseher läuft. Auch hier wieder die gleiche Kameraeinstellung. Von meinem ersten Besuch hier, ein paar Tage vorher, weiß ich, dass der Fernseher sonst nicht läuft. Auch hier herrscht eine beklemmende, stille Stimmung. Alle Gäste blicken gebannt auf den Monitor. Wir bestellen und ich versuche erneut die norwegischen Wörter zu entziffern. Suche nach vertrauten Buchstabenreihen, um mir einen Reim zu machen, denn eines ist klar: Diese komische Kameraeinstellung bedeutet etwas. Als die Bedienung mit den Getränken zurückkommt, erkläre ich ihr, dass ich kein norwegisch verstehe und ob sie mir bitte übersetzen könne, worum es in diesem Bericht geht. Es habe eine Schießerei gegeben. Auf einer Insel. Warum wisse niemand. Ein mulmiges Gefühl steigt in mir hoch. Erst eine Explosion, nun eine Schießerei? Gibt es vielleicht doch mehrere Attentäter, die gleichzeitig agieren. Das Essen ist noch nicht da und ich habe bereits keinen Hunger mehr. Dann spielt mein Handy verrückt. Verwandte, Freunde und Kollegen versuchen mich zu erreichen. Ständig piepst und klingelt es. Ich gehe raus, um wenigstens die Familie anzurufen. Meine Mutter nimmt sofort ab und ist erleichtert zu hören, dass ich nicht in unmittelbarer Nähe der Anschläge bin und nichts mitbekommen habe. Dann poste ich für alle anderen auf Facebook, dass es mir gut geht.

 

Gegen 21:00h gab die Polizei in Norwegen bekannt, dass der Verdächtige (Breivik) auch für den Bombenanschlag in Oslo verantwortlich ist. Zu diesem Zeitpunkt war weiterhin unklar, ob er allein handelte. Seine Motive wurden mit Hass auf die Liberalität und Toleranz Norwegens angegeben.

 

Auch in dieser Nacht schlafe ich schlecht. Bei jedem Geräusch und jedem Handybrummen bin ich wach. Wenn ich schlafe, träume ich von gesichtslosen Männern mit Gewehren, die andere Menschen jagen. Nicht mich. Ich gucke immer nur zu. Zittrig und mit klopfenden Herzen schrecke ich dann hoch. Vor dem Einschlafen habe ich Berichte über die Geschehnisse auf Utøya gelesen und gesehen und konnte nicht begreifen wie ein Mensch zu so etwas fähig ist. In den frühen Morgenstunden beschließe rauchen zu gehen. Ich hole mir einen heißen Tee und gehe in den Hof, in dem man rauchen darf. Bei der Hälfte der Zigarette überfällt mich Panik. Und wenn noch mehr von diesen kranken Typen rumlaufen? Was wenn gleich um die Ecke eine Bombe hochgeht? Was wenn jetzt einfach so ein Mensch mit einer Waffe ins Hotel stürmt und beginnt um sich zu schießen? Unbegreiflich! Unvorstellbar! Doch genau das haben hunderte von Menschen an diesem Tag in Norwegen erlebt. Und das keine fünfzig Kilometer entfernt. Ich mache die Zigarette aus und laufe eiligen Schrittes durch die leeren Korridore zurück zu meinem Zimmer. Gegen 6:00h verlassen wir das Hotel Richtung Busstation. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Wartehalle an jedem Samstag so voll ist. Eine Frau versucht mit fahrigen Händen ihr Ticket am Automaten zu kaufen und blickt sich hilflos um. Ihrem Akzent nach tippe ich auf Amerikanerin. Ich frage wo sie hinmöchte, nehme ihr das Geld aus der Hand und kaufe ihr Ticket. Sie bedankt sich ohne Lächeln und eilt Richtung Ausgang. Es beginnt zu regnen. Im Bus versuche ich die Augen zu schließen und die immer wieder aufsteigende Panik zu unterdrücken. Ich habe Angst vor dem Flughafen. Nach wie vor raten die Medien große Gebäude und öffentliche Plätze zu meiden. Ich stehe in der riesigen Eingangshalle und blicke mich immer wieder aufmerksam um. Ein Gedanke trifft mich wie ein Schlag: „So schnell kann ein Leben vorbei sein. Und ich bin so unglücklich in meinem. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll, um unglücklich zu sein.“ Als ich nachmittags zuhause ankomme, trenne ich mich von meinem Lebensgefährten und beginne eine lange Reise zu planen, die ich schon lange unternehmen wollte.

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